Kooperation mit der ESC Grenoble
Bericht (2003) unseres Studierenden Eric Stendebach aus seiner Zeit an der ESC Grenoble
Nachdem ich mein Studium an der HTW in der Regelstudienzeit absolviert hatte und mir die Studiendauer „etwas kurz" vorkam, entschloss ich mich dazu, am Austauschprogramm der HTW mit der ESC-Grenoble teilzunehmen. Anfangs vorhandene Zweifel wurden bald durch Gespräche mit Professoren und französischen Austauschstudenten zerstreut. Mein Entschluss stand also fest; nicht zuletzt musste ja jemand das einseitige Verhältnis des Austausches ausgleichen, da der gemeine Saarländer ja nur in den seltensten Fällen bereit ist, sich von zu Hause wegzubewegen. Vielleicht gerade noch „von Exweller no Aschbach". (Anm.: Wobei Aschbach tatsächlich Aschbach heißt und nicht wie von mir fälschlicherweise vermutet: Asbach).
Die Sprachprüfung an der HTW erwies sich auf Grund meiner Vorkenntnisse als die kleinere Hürde, die Wohnungssuche vor Ort hingegen schon als anspruchsvoll. Hierzu sollte man sich an eine der zahlreichen Associations wenden, nämlich den HAD. Dort bekommt man sämtliche Wohnungsangebote und außerdem einen ersten Kontakt mit den französischen Studenten. Die Mühle der Bürokratie dreht in Frankreich noch langsamer als in Deutschland, und so sollte man sich darauf einstellen, dass man eine Menge Formblätter in x-facher Ausführung auszufüllen hat, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten (auch als Europäer!!!) und ein Bankkonto eröffnen zu dürfen. Nicht verzweifeln, wenn man auf der Bank nach einer Adresse gefragt wird, die man ja eigentlich noch nicht hat, weil der Vermieter zuerst ein Bankkonto als Sicherheit benötigt...
Zum Schluss wendet sich alles zum Guten!
Zur Stadt selbst: Verglichen mit Saarbrücken ein wunderschönes Städtchen mit französischem Flair. Verglichen mit München: Ein Loch! So beeindruckend wie in Grenoble ist die Kulisse aber wahrscheinlich in keiner anderen Stadt. Eingerahmt von den Alpen sieht man in allen Himmelsrichtungen die Berge.
Eben diese Berge sorgen auch das ganze Jahr für jede Menge Freizeitstress! Radfahren, Inlinen, Wandern, Wintersport oder einfach mal in eine der vielen Tropfsteinhöhlen fahren (Les Grottes de Choranges sind hier besonders zu empfehlen! Am Eingang nach der Carte de Fidelité fragen, falls man vor hat, öfter mal mit seinen Freunden, Bekannten und Verwandten einen Ausflug zu machen...). Grenoble selbst lässt sich gut zu Fuß bewältigen, da das Stadtzentrum sehr dicht ist. Wem es trotzdem zuviel ist, der kann auch die Tram benutzen. Fahrräder sollten maximal mit zwei Rädern, einem Lenker und einem Sattel ausgestattet sein; alles was neuer oder teurer aussieht, wird nicht älter als zwei Wochen... Ich habe mein Rad daher in der Wohnung abgestellt und ausschließlich zu sportlichen Zwecken vor die Tür gebracht.
Der Weg zur 4.besten Business-school Frankreichs lässt sich in den meisten Fällen bequem zu Fuß, ansonsten per Tram oder Fahrrad bewältigen. Einmal vor dem Gebäude angekommen, ist man beeindruckt von der riesigen Glasfassade und dem an die Schule angeschlossenen World Trade Center. Genauso großartig, geht es im Inneren der Schule weiter.
Nachdem man den Eingang passiert hat und in der großen, offenen Empfangshalle steht, überkommen einen Zweifel, ob man hier überhaupt richtig ist, ist man doch das graue, niedrige Gebäude der HTW gewöhnt. Schnell hat man sich aber eingelebt und die ersten Kontakte zu den anderen ausländischen Studenten geschlossen – wohlgemerkt AUSLÄNDISCHE Studenten.
Hierunter findet man von Norwegern bis Spaniern, von Mexikanern bis Chinesen sämtliche Nationalitäten mit denen man sich austauschen kann und bei einem Gläschen Chartreuse oder dem ein oder anderen Kronenbourg die fremden Kulturen etwas besser kennenlernt und sich nicht länger auf Vorurteile stützen muss. (Nein! Die Franzosen laufen nicht alle mit typischem Käppi und festgewachsenem Baguette unterm Arm durch die Strassen! Obgleich ich doch einige Exemplare gesehen habe...) Für mich persönlich eine der größten Bereicherungen.
Um mit den Franzosen ins Gespräch zu kommen muss man schon Eigeninitiative zeigen. Sie sind meist in vorgeformten Grüppchen anzutreffen und kommen prima ohne die Ausländer zurecht. Ähnlich wie an der HTW eben. Wie gesagt: Eigeninitiative! Einfach die Leute ansprechen, dann zeigt sich schon, wen man gebrauchen kann und wen nicht. Hierzu bieten zahlreiche Soirées Gelegenheit oder gar das week-end d’intégration, ein von der Schule organisiertes Wochenende am Mittelmeer. Gegen einen nicht ganz unerheblichen Unkostenbeitrag wird man mit Bussen hingekarrt und 3 Tage lang einer Trinkfestigkeitsprüfung unterzogen. Berichten zufolge ein Heidenspaß!
Wer bis jetzt immer noch keine französischen Gesprächspartner gefunden hat, weil er die ganze Zeit mit Russen, Italienern oder Deutschen (?) Englisch oder eben Deutsch gesprochen hat, der wird spätestens im Unterricht im Rahmen zahlloser Gruppenarbeiten mit der französischen Sprache konfrontiert. Hat man erst mal die Vorgehensweise verstanden, wie die Franzosen Fallstudien angehen, kommt man sehr bald mit der für Deutsche ungewohnten Arbeitsweise zurecht. Gestaltet man sich als Deutscher noch ganz flexibel eine Gliederung um an das Problem heranzugehen, ist jetzt ein universeller Plan gefragt, den man, vorausgesetzt man beherrscht ihn, auf alle Fallstudien anzuwenden hat. Die Arbeitsphasen der Fallstudien und Gruppenarbeit wechseln sich mit Vorlesungen im Hörsaal ab. Spätestens hier zeigt sich, ob man die französische Sprache beherrscht, denn in den ersten Wochen kommt man nach den Vorlesungen mit rauchendem und brummendem Schädel nach Hause und muss seinem Kopf erst mal mit einem Pastis in einem Straßencafé Klarheit verschaffen. Nach Wochen der Übung fällt es dann nicht mehr so schwer, dem Unterricht zu folgen und es gelingt sogar, sich aktiv am Geschehen zu beteiligen. Ob man auch wirklich alles verstanden hat, zeigt sich sehr bald in den ersten Prüfungen, die man absolviert. Die Notenfindung kann hierbei mit Hilfe von Vorträgen, eingereichten Fallstudien oder aber Klausuren geschehen. Alles in allem aber eine lösbare Aufgabe. Gegen Ende des 8 monatigen Aufenthalts stehen dann die Abschlussprüfungen an. Hierbei wird der gesamte Stoff des 3.Jahres (in das man ja eingestiegen ist) in Form von Klausuren abgefragt. Zu den Klausuren kommen noch mündliche Prüfungen, die, mit Powerpoint Präsentationen unterstützt, abzulegen sind. Apropos Powerpoint: sofern man sich nicht sowieso einen Laptop zulegen wollte, sollte man sich irgendwo einen leihen oder schenken lassen. Die Franzosen haben ALLE einen Laptop und arbeiten täglich damit!
Gemäß dem Vorurteil, dass in Frankreich alles etwas langsamer geht, erhält man das Ergebnis der Prüfungen erst im November/Dezember. Die feierliche Überreichung des Diploms erfolgt dann im darauffolgenden Januar an einer großen Gala im Gebäude der Schule, die eigens für diesen Abend aufwändig dekoriert wird. Nach dem Aperitif besteht die Möglichkeit, in der Schule gegen einen geringen Aufpreis ein mehrgängiges Menü zu sich zu nehmen und sich für die folgende Soirée zu stärken. Die Gala ist eine hervorragende Gelegenheit, nochmals Adressen und Telefonnummern mit seinen Freunden und Bekannten auszutauschen, um einem zukünftigen, längeren Frankreichaufenthalt den Weg zu ebenen und Teil des in Frankreich so wichtigen Netzwerks zu werden.
Mit dem Erreichen des Diploms gehört man zum erlauchten Kreis der Absolventen der Ecole Supérieure de Commerce und darf sich als Mensch erster Klasse fühlen - so wird es den Studenten jedenfalls vermittelt. Dies mag an den 2 harten Vorbereitungsjahren liegen, die die Franzosen zu bewältigen haben, bevor sie auf eine Ecole Supérieure gehen dürfen, als auch an den hohen Studiengebühren (6000 Euro p.a.), die jährlich abzuleisten sind. Das Ausbildungsniveau jedoch liegt nicht höher, als etwa an der HTW, das Profil der Schule ist natürlich auch ein anderes.
Prinzipiell kann ich jedem diesen 8 monatigen Aufenthalt empfehlen. Ich habe viele Bekanntschaften geschlossen, meine Französischkenntnisse stark ausgebaut, fachliche Kenntnisse erlangt und nicht zuletzt einen der höchsten Schulabschlüsse Frankreichs erworben; Punkte die auch bei Bewerbungsgesprächen als besondere Qualifikation „verkauft" werden sollten.
Avec les meilleures salutations.
Erik Stendebach
Noch Fragen? Jederzeit per mail: estendebach@gmx.de



