HTW-Online Nr. 49
Ausstellung des Fachbereichs Architektur auf der Hannover Messe 2008
Prof. Dipl.- Ing. Göran Pohl, Fachbereich Architektur
Die Hannover Messe ist als Industriemesse nicht gerade dafür bekannt, dass Architektinnen und Architekten dort ihre Produkte vorstellen. Industrielle Produktion allgemein, Prozesse, Steuerung und Roboter sind das, was man sich gemeinhin als Ausstellungsgegenstände der Messe vorstellt. Doch auch eine der weltweit bekanntesten Messen, wandelt sich und hat längst weitere zukunftsträchtige Themen entdeckt.
Die diesjährige Messe in Hannover fokussierte auf die Schwerpunkte Forschung und Entwicklung und Energieeffizienz. Neben Industrieunternehmen zeigten Hochschulen die Entwicklungen innovativer Materialien, die materialeffizienten Produkte und energiesparende Systeme. Zukunftsthemen über Nachhaltigkeit im Umgang mit den Ressourcen industriell hergestellter und nachwachsender Rohstoffe sowie der Energieerzeugung und Energieeinsparung hat die Hannover Messe als Leitthemen für eine Industrie formuliert, welche sich den Aufgaben globaler Rohstoffverknappung zu stellen hat. Auch in der Architektenausbildung der HTW stehen diese Themen bei den städtebaulichen und konstruktiven Fächern im Vordergrund.
Im Wahlpflichtfach Bionik recherchierten Studierende unter der Leitung von Prof. Göran Pohl über verschiedene biologische Systeme und entwickelten daraus technische Anwendungsmöglichkeiten in Architektur und Design. Faltstrukturen von Blättern, welche gefaltete Tragwerke mit hoher Belastbarkeit und geringem Materialverbrauch darstellen, inspirierten die Studierenden zu fraktalen Landschaftsskulpturen und hocheffizienten gerippten Dachtragschalen. Flügel von Libellen untersuchten die Studierenden im Mikroskop und erkannten deren feinen pneuartigen Aufbau als Vorbilder für pneumatisch stabilisierte Membrandächer. Fledermausflügel ließen interessante Parallelen zu faltbaren Dächern und Wänden aufzeigen. Das Beispiel der Rollassel, die sich bei Gefahr zusammenrollen kann, wurde von den Studierenden dahingehend untersucht, wie eine aufrollbare Brücke, wie sie für Schiffsdurchfahrten erforderlich ist, in Elementen aufgebaut werden kann. Und schließlich wurden intensive Untersuchungen zum Aufbau und Tragverhalten menschlicher und tierischer Wirbelsäulen vorgenommen, deren Erkenntnisse in Umsetzungsvarianten für flexible Tragwerke mündeten.
Eine aufrollbare Brücke, welche die Erkenntnisse der Untersuchungen an Rollasseln wiederspiegelt und eine materialminimierte Brückenkonstruktion nach dem Vorbild der Wirbelsäule, konnten schließlich als Auswahl der studentischen Forschung und Lehre des Fachbereichs Architektur im April 2008 auf der Hannover Messe präsentiert werden. Die Modelle wurden an der HTW von den Studierenden mit großem Engagement erstellt, eine Gruppe war graphisch tätig und entwickelte ein Plakat.
Der Fachbereich Architektur hatte über die Kontakte von Prof. Göran Pohl einen Ausstellungsstand innerhalb des Standes von BIOKON, dem bundesdeutschen Bionik-Kompetenznetz gesponsert erhalten. Die HTW war damit mit dem Fachbereich Architektur neben dem Bionik-Studiengang in Bremen und dem Fachbereich Design an der Hochschule Magdeburg eine von drei Hochschulen, die sich mit dem Wissenschaftszweig der Bionik einem internationalen Fachpublikum stellten. Über hundert neugierige Fragen mussten beantwortet werden. Fachleute aus unterschiedlichsten Bereichen interessierten sich für die Konstruktionen der Saarbrücker Studierenden. Kontakte zu anderen Hochschulen aus den Bereichen Design und Architektur entstanden. Für eine Universität aus Brasilien wollte deren Architekturprofessor sogleich wissen, ob er Studierende nach Saarbrücken senden könne, wo sie derartige Kenntnisse über die Verbindung natürlicher und technischer Systeme erlernen können. Auch vom benachbarten Stand des VDI aus wurden viele Besucher auf die Exponate der HTW- Studierenden aufmerksam. Die Präsentation der Architekturstudierenden der HTW fand auf der Messe großen Zuspruch.
Das bundesdeutsche Bionik-Kompetenznetz BIOKON finanzierte die Modell- und Standkosten und ermöglichte es damit den Studierenden, ihre Entwicklungen auf der Hannover Messe auszustellen. Die Modellbaukosten und Kosten für die Präsentation wurden vom Internationalen Zentrum für Bionik und von einigen lokalen Firmen gefördert.
Abschließend empfanden die zukünftigen Architektinnen und Architekten, auch die durch fachbereichsübergreifende Organisation des Herrn Weisgerber von Saarbrücken per Bus angereisten, die Hannover Messe 2008 als eine gelungene Bereicherung ihrer Ausbildung. Spannenden Themen, darunter der Präsentation des Fachbereichs Architektur, neue Erkenntnisse über Materialien und Energieeffizienz nahmen sie als Erkenntnisse „über den Tellerrand“ aus Hannover mit, die auch in der aktuellen Baukonstruktionslehre am Fachbereich Architektur verwendet werden.


